Märische Allgemeine vom 28.01.2010

Veröffentlicht am 29.01.2010 in Kommunalpolitik

INTERVIEW: Endlose Sitzungsabende, ade Der scheidende Glienicker Bürgermeister Joachim Bienert über seine 16-jährige Amt

Nach 16 Jahren im Amt des Glienicker Bürgermeisters gibt Joachim Bienert (SPD) am 11. Februar den Staffelstab weiter an Hans Oberlack (FDP). Mit dem 53-Jährigen sprach Helge Treichel.

MAZ: Hatten Sie einen schönen Urlaub?

Joachim Bienert: Ja, obwohl wir nicht weggefahren waren. Aber unsere Kinder waren hier. Auch wenn beide studieren, wollen sie betüttelt werden. Wir haben Raubzüge in Geschäfte unternommen und zum Beispiel einen Ausflug zur Therme nach Templin gemacht. Wir haben uns Zeit gelassen für Dinge, die sonst immer hektisch erledigt werden. Ich hatte noch nie so lange am Stück frei: viereinhalb Wochen. Es ist kein schlechtes Gefühl, mal einen Gang runterzuschalten.

Sie wohnen nur 3,5 Kilometer vom Rathaus entfernt. Wie aber kamen Sie als Berliner zu Ihrem Amt in Glienicke?

Bienert: Das war nicht vorgeplant, sondern ein eher spontaner Entschluss. Ende 1992 war ich Leiter des Fontanehauses im Märkischen Viertel geworden. Vorher war ich persönlicher Referent beim Reinickendorfer Bezirksbürgermeister Detlef Dzembritzki. Als ich im Juli 1993 meinen Einstand gab, sprach mich der Bezirksamtsdirektor an. Die SPD Reinickendorf hätte Kontakt mit der SPD Glienicke. Und die würde noch einen Bürgermeisterkandidaten suchen. Er fragte mich also, ob das nicht etwas für mich wäre und empfahl mir, mit Brigitte Oltmanns Kontakt aufzunehmen. Sie hatte das Geschick, mein Interesse zu wecken. Ich hatte mir keine großen Chancen ausgerechnet, denn Amtsinhaberin Karin Röpke saß fest im Sattel und hatte die Erfolge der drei Anfangsjahre. Aber in der Stichwahl hat es dann knapp für mich gereicht.

Dann hat sich bei der jüngsten Bürgermeisterwahl die Geschichte wiederholt, oder?

Bienert: Ja, wobei es jetzt knapper war.

Empfinden Sie es als ungerecht, dass Sie Glienicke 16 Jahre lang mit vorangebracht haben und dann so knapp abgewählt wurden?

Bienert: Ja, aber ich bin nicht böse darüber. Man muss auch mit Ungerechtigkeiten leben können. 16 Jahre in so einem Amt bedeuten auch eine starke Inanspruchnahme. Am Wahlabend bin ich nicht in Tränen ausgebrochen. Ich hatte versucht, mich auch auf diese Möglichkeit einzustellen.

Die Gemeinde hatte Nachkalkulationen versäumt und von 2002 bis 2008 2,1 Millionen Euro zu viel an Abwassergebühren kassiert, rund 420 Euro pro Haushalt. Wie bedeutsam war das für den Wahlausgang?

Bienert: Das ist bedeutsam. Es sind kapitale Fehler gemacht worden, die unter anderen Bedingungen so nicht gemacht worden wären. Abwegig ist allerdings die Behauptung, ich hätte durch die fälligen Rückzahlungen den Haushalt ruiniert. Ich habe das Geld nicht eingesteckt. Man muss den Kritikern sagen: Die Summe war faktisch ein zinsloses Darlehen und ist voll investiert worden. Natürlich habe ich mich auch geärgert. Ich war zu unsensibel, mir fehlten die richtigen Ratschläge zum richtigen Zeitpunkt. Ich muss das auch ein Stück weit in die Verwaltung hineingeben. Aber die gesamte Verwaltung liegt in meiner Verantwortung – und die muss ich dann auch tragen.

Liegt da nicht eine gewisse Tragik drin, dass das Problem so kurz vor der Wahl zutage kam?

Bienert: Ich habe mir hinterher überlegt, was wäre, wenn ich so knapp gewonnen hätte. Das wäre bei unseren politischen Verhältnissen nicht leicht geworden. Das sollen nun die besser machen, die behaupten, dass sie das können. Ich wünsche meinem Nachfolger jedoch nichts Böses. Dazu liegt mir Glienicke zu sehr am Herzen. Deshalb werde ich mich über meine Partei weiter einbringen. Man müsste charakterlich schon eiskalt sein, um einfach einen Schlussstrich zu ziehen. Deshalb gebe ich meinem Nachfolger auch eine langfristige und detaillierte Einführung. Bereits seit Mitte Oktober hat er an den wöchentlichen Amtsleiterbesprechungen teilgenommen.

Hatten Sie eine schöne Zeit in Glienicke?

Bienert: Auf jeden Fall. Ich hatte allerdings auch das eine oder andere Negative. Es gibt Dinge, die man gern anders entscheiden würde, aber nicht kann, zum Beispiel die Entwicklung der Gesamtschule. Die Eltern hatten mit den Füßen über deren Zukunft abgestimmt. Die Schulschließung war für die Ortsentwicklung nicht besonders gut, zumindest zum damaligen Zeitpunkt. Mit Blick auf heute war die Entwicklung vielleicht doch nicht so schlecht. Aber wenn man hellsehen könnte, müsste man nicht als Bürgermeister arbeiten, sondern könnte im Zirkus oder Fernsehen auftreten. Es gab auch Kleinigkeiten, die im betreffenden Moment für Ärger gesorgt haben. Aber solange es sich um einen sachlichen Streit handelt, ist alles auszuhalten. Es hat aber zuletzt auch eine Masche Einzug gehalten, sehr viele Vorgänge und Entscheidungen zu politisieren. Das war ich nicht gewohnt. Wir hatten in Glienicke alles andere als stabile Regierungsverhältnisse. Dennoch ist es, denke ich, gut vorangegangen.

Welche persönlichen Höhepunkte haben Sie dabei erlebt?

Bienert: Ich habe versucht, mein Herzblut überall reinzulegen. Es gibt nichts Herausragendes. Jede Entscheidung und jede Entwicklung hat einen hohen Stellenwert, wenn sie gerade aktuell ist. Mein positives Ergebnis ist das Gesamtpaket. Da ist alles stimmig, was im Infrastrukturbereich im gesamten Zeitraum umgesetzt werden konnte. Grundlage dafür ist für mich immer noch der Städtebauliche Vertrag für das Glienicker Feld, also das Wohngebiet Sonnengarten. Der hatte uns sehr früh Mittel in die Hand gegeben, um die Infrastruktur aufzubauen und zu sanieren. Beispiele sind die Schule, die Feuerwache und die Bibliothek. Das Geld des Investors hat uns Gelegenheit gegeben, große Taten zu vollbringen. Ein tolles Erlebnis war, als nach viel Planungs- und Vorbereitungsarbeit die Bagger auf dem Glienicker Feld anrückten, der Grundstein gelegt wurde und das erste Haus gebaut wurde. Das ist ein neuer Stadtteil, aber nicht am Rande, sondern im Herzen der Gemeinde. Richtig war auch, die Investition einem Investor zu überlassen und dadurch in kurzer Zeit gewissermaßen eine Gewinnvorwegnahme für die Gemeinde zu erzielen. Das Glienicker Feld ist ein Grundstein des Erfolgs gewesen. Das würde ich wieder so machen.

Was wird Ihnen nach dem 11. Februar garantiert nicht fehlen?


Bienert:
Ein Punkt sind die abendlichen Veranstaltungen. Insbesondere die Ausschüsse haben viel Zeit gekostet. Was mir garantiert nicht fehlen wird, sind die repräsentativen Termine , sonnabends um 11 Uhr oder sonntags nach 16 Uhr. Wenn man zeitlich eingespannt ist, versucht man, sich ein Zeitfenster für die Familie offenzuhalten. Zu meinen unerfreulichsten Erlebnissen gehört die Schlagzeile in einer anderen Zeitung, Glienicke wolle das Rathaus verkaufen. Im Zusammenhang mit der Rathausrenovierung hatte es Überlegungen über Leasingmodelle gegeben. Die Titel-Schlagzeile hatte dazu geführt, dass das Thema erledigt war, bevor es überhaupt auf die Tagesordnung rücken konnte. Heute ist das Modell in Kommunen keine Zauberei mehr.

Und was werden Sie vermissen?

Bienert: In einem halben Jahr kann ich das vielleicht besser beantworten. Ich werde aber in jedem Fall die Kollegen vermissen.

Glauben Sie, dass in Glienicke eine Art Bienert-Denkmal zurückbleiben wird?

Bienert: Ein Denkmal nicht, aber Spuren oder tiefe Rillen. Wenn ich jetzt in Abschiedsstimmung durch Glienicke fahre, dann denke ich an diversen Stellen: Da haste überall mitgemacht. Das sind Spuren, die noch eine Weile zu sehen sein werden. Das Spannende an der Arbeit ist ja gewesen, man hat Dinge von A bis Z miterlebt. Wichtig war mir allerdings auch der vernünftige Umgang mit den Menschen. Ich wollte die Feuerwehrleute ebenso verstehen wie die Senioren und die Sportler.

Wie schätzen Sie den Kontakt zu den Nachbarkommunen ein?

Bienert: Gerade in den vergangenen Monaten und Jahren hat sich eine gute Zusammenarbeit im S-Bahn-Bereich entwickelt. Mit dem Mühlenbecker Land geht das Verhältnis deutlich über gute Nachbarschaft hinaus. Wir sitzen alle im selben Boot. Es könnte sein, dass man die Kooperationen noch ausbaut, etwa auf der Verwaltungsebene. Nicht jeder muss für sich das Rad neu erfinden, wenn es der Nachbar schon hat.

Wie geht es persönlich für Sie weiter?

Bienert: Ich bin ganz ordentlich vorbereitet, kann aber noch nichts darüber sagen. Auf jeden Fall möchte ich weiter meinen Beitrag leisten.

In der Verwaltung oder Privatwirtschaft?

Bienert: Sowohl als auch.

Quelle: Märische Allgemeine

 

"Das rote Mikro"

 

Weitere Folgen 

Folgen Sie uns auch in den sozialen Netzwerken

Facebook

Facebook (Fraktion)

Instagram